Atelier Brückner / Oschatz Visuelle Medien
Inszenierte Räume für eine Kölner Institution

Large Format, Ausgabe April / Mai 2011

Ende Oktober 2010 wurde das kommunale Völkerkundemuseum Rautenstrauch-Joest in einem Neubau im Kulturquartier wiedereröffnet. Die Objekte wurden von Atelier Brückner in einem neuen Themen-Parcours szenografisch eingebunden - ein Highlight der Ausstellungsgestaltung.

„Das war unser bislang größtes Projekt“, erklärt Daniel Oschatz, Geschäftsführer von Oschatz Visuelle Medien stolz. „Inklusive der Vorarbeiten waren wir beinahe 18 Monate beschäftigt, die reine Produktionszeit betrug rund ein Jahr.“ Doch es war nicht nur das umfangreichste und umsatzstärkste Projekt des Wiesbadener Unternehmens, sondern auch die bisher größte Herausforderung für das bereits 1922, damals noch als Fotostudio gegründete Unternehmen. Denn neben Digital- und Siebdruck, Duratrans-Belichtungen und Schneideplots mussten beispielsweise auch 3D-Schriftzüge aus Metall und Acryl hergestellt und eingebaut werden. Für das Stuttgarter Atelier Brückner, mit dem Oschatz inzwischen eine jahrelange gute Zusammenarbeit verbindet, begann die Arbeit freilich noch viel früher, denn das Konzept lag bereits 2003 vor, die Planung erstreckte sich von 2005 bis zur feierlichen Eröffnung am 22. Oktober 2010.

Ausstellungskonzept: Kulturen vergleichen

Das Rautenstrauch-Joest-Museum geht auf die Sammlung des Forschungsreisenden Wilhelm Joest zurück. Seine Schwester Adele Rautenstrauch vermachte die Sammlung schließlich der Stadt Köln. Zum Gedenken an ihren Bruder und ihren Ehemann Eugen Rautenstrauch finanzierte sie den Bau des Rautenstrauch-Joest-Museums, das 1906 in der Kölner Südstadt am Ubierring eröffnet wurde. Über die Jahre wuchs die Sammlung auf über 60.000 Objekte an - das Museum zählt zu den zehn größten und bedeutendsten ethnografischen Sammlungen Deutschlands. In dem von den Braunschweiger Architekten Schneider + Sendelbach am Neumarkt entworfenen Neubau werden nun etwa 2.000 Exponate in der neuen Dauerausstellung präsentiert. Das innovative Ausstellungskonzept verzichtet auf die übliche Einteilung in geografische Großräume und greift stattdessen Themen auf, deren Fragestellungen je nach Kulturkreis unterschiedlich beantwortet werden. Individuell inszenierte Themenräume bringen das jeweilige Raumthema zum Ausd ruck. „Wir möchten die Exponate zum Sprechen bringen, Geschichten erzählen, die den Besucher berühren und ein nachhaltiges Erleben ermöglichen“, sagt Prof. Uwe R. Brückner, der mit seinem interdisziplinären Team die erzählerische Dramaturgie entwickelt hat.

Themen-Parcours „Der Mensch in seinen Welten“

„Der Mensch in seinen Welten“ ist der Titel des Themenparcours, der sich über drei Etagen auf insgesamt 3.600 Quadratmetern Ausstellungsfläche entfaltet. Er gliedert sich in die Einheiten „Die Welt erfassen“ und „Die Welt gestalten“. Im grosszügigen Foyer empfängt das größte Exponat und „Wahrzeichen“ des Rautenstrauch-Joest Museums, ein rund 7,50 m hoher historischer Reisspeicher von der Insel Sulawesi, den Besucher. Er präsentiert die ganze Ausstellung, indem er anhand begleitender Informations-Module eine Vorschau auf den gesamten Parcours bietet. Sämtliche Themen des Parcours werden mit Bildern aus der Ausstellung vorgestellt und im Hinblick auf den Reisspeicher konkretisiert. Der Themen-Parcours selbst wir von multimedialen Rauminstallationen umrahmt. Menschen fremder Kulturen begrüssen den Besucher und empfehlen sich, zum Abschluss des Rundgangs auf der obersten Ausstellungsebene, mit der Erkenntnis, dass sie allesamt Einwohner der Stadt Köln sind. Wand- und Bodengrafik benennen die einzelnen Themenbereiche des Parcours, die jeweils typografisch eigenständig gestaltet sind und innerhalb des Rundgangs wiederkehren.

Viel Detailarbeit

Das Budget für die Gestaltung der Dauerausstellung betrug 7,5 Millionen Euro - eine eindrucksvolle Zahl - und doch, angesichts der mit 61 Millionen Euro veranschlagten Gesamtbausumme relativiert sich das rasch. Die Herausforderungen, denen sich Oschatz gegenübersah, um das detailreiche Ausstellungskonzept perfekt zu realisieren, reißt der Geschäftsführer kurz an: „Wir haben inzwischen sehr viel Erfahrung mit der Umsetzung von Museumskonzepten. Es ist ein Gebiet, das höchste Qualität, aber auch viel Flexibilität erfordert: Objekte, die nicht bewegt werden können, also etwa empfindliche Oberflächen, Raumwände oder Mobiliar, bedrucken wir, wenn der Kunde es wünscht, inzwischen auch vor Ort“, erklärt er. Doch mit dem Druck - für dieses Projekt wurde beispielsweise digital auf Glasdekorfolie, Textilien, MDF-Platten, Tapeten, Vinyl-Planen und Canvas gearbeitet - ist es nicht getan: Praktisch alle werbetechnischen Arbeiten waren gefragt. So gravierten die Mitarbeiter Messingschilder, bauten Schriftzüge aus Stuck und malten mit Schablonen und Farbe Grafiken direkt an die Wände. „Bei solchen Projekten ist der Preis des einzelnen Quadratmeters nicht mehr allein entscheidend“, erläutert Oschatz. „Wir bieten den Kunden, zum Teil zusammen mit Partnern, auf Wunsch eine schlüsselfertige Realisierung. Dazu sind natürlich auch Mitarbeiter nötig, die die Steuerung und Kontrolle von so komplexen und langen Projekten bewältigen können.“

Dementsprechend lang ist inzwischen die Liste der realisierten Ausstellungen: Vom Mitte 2010 eröffneten TIM in Augsburg (siehe LARGE FORMAT 5/10) über das Uhrenmuseum Glashütte oder das Rosenmuseum in Bad Nauheim (siehe LARGE FORMAT 6/08) reicht die Palette. Mehrere Großprojekte sind zudem 2011 bereits wieder in der Pipeline. Doch auch „Standardaufträge“ - wie etwa ein Riesenposter auf einem Lastkahn für den Versandhändler Otto - gehören zum Geschäft. „Solche Projekte werden allerdings weniger, weil wir mit den Ausstellungsprojekten oft schon stark ausgelastet sind“, bekennt er. „Die Expertise, die wir in diesem Feld inzwischen angesammelt haben, macht uns so schnell keiner nach, das macht uns für unsere Kunden natürlich doppelt attraktiv.“

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