Junior Museum
Atelier Brückner
Rautenstrauch-Joest-Museum, Köln
Since 14.11.2011
Viele Kulturen und doch eine Welt: Im RJM werden sie transparent und mit dem Junior Museum zudem einzelne Aspekte junger Alltagskultur beleuchtet.
Von Jana Poesch
Wilhelm Joest hatte kein langes Leben, in seinen 45 Jahren aber jede Menge erlebt: Bereits im Alter von 22 Jahren begab er sich 1874 auf seine erste Forschungsreise in den Orient sowie in die nordafrikanischen Küstenländer, erkundete neue Lebensräume und fand großen Gefallen am Dasein eines Globetrotters, denn zahlreiche Expeditionen sollten daraufhin folgen. Seine langjährigen Reisen brachten ihm dabei aber nicht nur ethnografische Kenntnisse, der Kölner Kaufmann sammelte auch eine große Anzahl an völkerkundlichen Gegenständen aus aller Welt: Etwa 3.500 Exponate vererbte er schließlich seiner Schwester Adele von Rautenstrauch, die ihm zu Ehren 1906 in der Kölner Südstadt ein Museum errichten ließ. Mittlerweile umfasst die Sammlung mehr als 60.000 Objekte aus Ozeanien, Afrika und verschiedenen Teilen Asiens und Amerikas, etwa 2.000 werden im neuen Rautenstrauch-Joest-Museum (RJM) - inzwischen das größte Völkerkundemuseum Europas - gezeigt.
Auf drei Ebenen und rund 3.600 Quadratmetern verzichtete das Stuttgarter Atelier Brückner bei der Konzeption der Dauerausstellung jedoch auf die übliche Einteilung in geografische Großräume und griff stattdessen Themen auf, die Menschen überall auf der Welt bewegen, denen sie aber - je nach regionaler und kultureller Prägung - auf eigene Weise begegnen. „Der Mensch in seinen Welten“ lautet dementsprechend der Titel des Parcours, der neun Themen unter den Aspekten „Die Welt erfassen“ und „Die Welt gestalten“ beleuchtet. In einer dynamischen Abfolge von inszenierten Raumbildern können sich Erwachsene wie Kinder auf Spurensuche begeben und die Kulturen der Welt entdecken - und das im wahrsten Sinne des Wortes: Die jüngeren Gäste erhalten Expeditionsrucksäcke, die einen Lageplan sowie sechs Schatullen enthalten, deren Inhalt zur spielerischen Auseinandersetzung mit den Exponaten anregen soll. So können Kinder - wie einst Wilhe1m Joest und ganz auf sich allein gestellt - spannende Aufgaben an unterschiedlichen Orten der Sammlung lösen. Oder sie folgen, mit einem Audioguide ausgerüstet, den gelben Symbolen auf dem Boden und lassen sich von den fiktiven Stimmen von Aminata, Leon, Frau Global und Wilhe1m Joest durch die Ausstellung führen. Mit Hilfe von gelb markierten Mitmach-Stationen werden sie zudem aufgefordert, die komplexe Ausstellung spielerisch zu erkunden. Eine „fühlBAR“, eine „riechBAR“ und eine „hörBAR“ veranschaulichen dabei die abstrakten Inhalte und machen sie interaktiverlebbar - egal ob es sich um Vorurteile, Kunst, Lebens- und Wohnformen, den Körper als Bühne, Tod und Jenseits, Religionen oder Rituale handelt. Doch auch wenn der Rundgang einen umfassenden Überblick über das Leben und die Kultur anderer Völker gewährt, ist ein Thema in diesem Parcours bewusst ausgeklammert: die Sozialisation und Initiation, also der Übergang zu einem neuen Lebensabschnitt. Jenem Bereich widmet sich ein gesonderter Raum des RJM: das JuniorMuseum. Hier können sich Kinder und Jugendliche im Alter von vier bis 14 Jahren über das Erwachsenwerden informieren und das Leben von Gleichaltrigen auf den verschiedenen Kontinenten entdecken. Dabei sind fünf authentisch eingerichtete Zimmer eines kleinen Hauses Kindern aus eben so vielen Erdteilen zugeordnet, die aus ihrem Alltag erzählen, wie sie älter werden und den Schritt in die Welt der Erwachsenen feiern. Die Besucher können sich an ihre Schreibtische setzen, in ihren Schubladen stöbern oder in den Büchern blättern, die im Regal stehen. Sie können an Gewürzen riechen oder die Plüschtiere der fiktiven Bewohner streicheln. Zeitlich getaktet wird jede einzelne Raumsituation von einer medialen Bespielung überlagert, welche die Besucher durch das Haus führt. Hier kommen die Protagonisten - Anna-Lena aus dem Rheinland, Aminata aus Sierra Leone, Naoko aus Japan, Murat aus der Türkei und Steve aus Kanada - selbst zu Wort. In Vitrinen befinden sich außerdem wertvolle Objekte, die sich mit der jeweiligen Festkultur verbinden lassen wie zum Beispiel Masken aus Afrika oder ein so genannter Puppen-Altar aus Japan. An einer Wand im hinteren Teil des JuniorMuseums hängen zudem die Cover von Jugendzeitschriften aus aller Welt und schnell wird klar: So sehr sich die Sozialisation der Kinder auch unterscheiden mag, so sehr gleichen sich doch die Themen für die sich alle interessieren: Musik, Stars und Sexualität. Nur einen Ausreißer gibt es: Statt Hannah Montana zeigt der Starschnitt in der iranischen Zeitschrift Ajatollah Khomeni und statt Boygroups werden jugendliche Minenräumer vorgestellt.